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Wie wichtig es ist, Umwelt und Klima zu schützen, wissen die meisten. Doch danach zu handeln, fällt uns oft schwer. Warum das so ist und wie sich das ändern lässt, erklärt der Soziologe Andreas Diekmann, emeritierter Professor an der ETH Zürich.

Wie steht die Bevölkerung im Allgemeinen zum Thema Umwelt- und Klimaschutz?
Prof. Andreas Diekmann: Umfragen deuten auf ein ausgeprägtes Umweltbewusstsein in der Bevölkerung hin. Die meisten Menschen sind der Auffassung, dass im Bereich Umwelt- und Klimaschutz dringender Handlungsbedarf besteht.

Warum steigt dann trotzdem der weltweite CO2-Ausstoss?
Das Bekenntnis zum Umweltschutz ist eben oft nur ein Lippenbekenntnis. Tatsächlich wächst die individuelle Mobilität, vor allem der Flugverkehr. Automotoren sind effizienter als früher, aber die Nachfrage nach PS-starken Fahrzeugen steigt. Auch der Flächenverbrauch wächst und bei der energetischen Gebäudesanierung hapert es. Weltweit steigt der CO2-Ausstoss vor allem, weil fossile Energien wie Kohle und Erdöl dominieren, Entwicklungs- und Schwellenländer einen berechtigten Nachholbedarf haben und die reichen Industrieländer es nicht schaffen, die CO2-Emissionen so zurückzufahren, dass die Klimaziele erreicht werden.

Wieso fällt es uns so schwer, unser Verhalten zu ändern?
Wie in vielen anderen Bereichen auch, wird oft «Wasser gepredigt und Wein getrunken ». Zwischen Einstellung und tatsächlichem Umweltverhalten lässt sich eine ausgeprägte Kluft beobachten, besonders wenn umweltfreundliches Handeln mit hohen Kosten oder Unbequemlichkeiten verbunden ist. Gerne recyceln wir Altpapier, aber auf die Fernreise zu exotischen Urlaubszielen wird doch eher ungern verzichtet. Ausserdem hat das Umweltverhalten viele Aspekte; wir finden so immer wieder Bereiche, in denen wir uns als «Umweltheld » fühlen können. SUV-Fahrer z. B. können geltend machen, dass die Energie für ihr Duschwasser aus der Photovoltaikanlage auf ihrem Hausdach gewonnen wird. Flugreisen kann man durch den Bezug von Ökostrom entschuldigen. «Moralische Lizenzierung» wird dieses Phänomen genannt. Und ganz klar sind es auch strukturelle Schieflagen, die ökologischesHandeln verhindern. Wenn heute Billigflüge unter dem Taxipreis zum Flughafen liegen, darf man sich nicht wundern, dass die Menschen auf umweltfreundlichere Zugfahrten verzichten.

Was muss sich dann Ihrer Meinung nach ändern?
Im Prinzip ganz einfach: Umweltfreundliches Verhalten muss sich lohnen, nicht das Gegenteil! Dafür müssen wir Infrastruktur und Institutionen umbauen und vor allem müssen Grenzen und Preise für Emissionen festgelegt werden. Wer seinen Abfall illegal entsorgt, wird bestraft und wer es ordnungsgemäss macht, zahlt Gebühren. Für den «CO2-Abfall» müssen auch Gebühren erhoben werden. Damit es nicht die Schwächeren trifft, sollten die Einnahmen aus CO2-Abgaben an die Bevölkerung rückverteilt werden. Dadurch gewinnen Haushalte mit kleinen Einkommen, sogar die Mehrheit der Haushalte gewinnt, wie Berechnungen zeigen. Denn der CO2-Ausstoss steigt mit dem Einkommen an. Aber auch das Umweltbewusstsein ist wichtig. Denn ohne starken Rückhalt in der Bevölkerung sind die notwendigen Massnahmen im politischen Prozess nicht durchsetzbar. Wie wichtig Druck von unten ist, zeigt uns die «Fridays-for-Future-Bewegung». (idw)

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