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Einen Schritt weiter denken

Solar-, Hackschnitzel- und Biogasanlagen sind für Philippe Brühlmann, Gemeindepräsident von Thayngen, die Eckpfeiler der Energiewende im Ort. Doch langfristig müsse man einen Schritt weiter denken, ist er überzeugt. EKS ON! sprach mit Brühlmann über seine Visionen und die aktuellen Projekte in der Gemeinde.

Am Ende sind es die Kommunen, die die Energiewende vor Ort umsetzen. So sieht es Heinz Brennenstuhl, Bürgermeister von Gailingen am Hochrhein. EKS ON! sprach mit ihm über die Energie-Projekte in seiner Gemeinde.


Seit Mai 2012 ist Philippe Brühlmann Gemeindepräsident in Thayngen. Der 40-Jährige hatte sich erstmals zur Wahl gestellt – und prompt gewonnen. Zuvor war der gebürtige Thaynger als Pilot in aller Welt unterwegs. Nach seiner Ausbildung bei der Swissair ist Brühlmann Geschäfts- und Transportflugzeuge geflogen, etwa zur Versorgung der Ölindustrie in Algerien.

Heute indes will der Gemeindepräsident mit Öl möglichst wenig zu tun haben. Sein Ziel ist die Versorgung des Ortes mit erneuerbarer Energie, vor allem aus regionalen Quellen. Brühlmann ist Vater eines achtjährigen Sohnes.

Herr Brühlmann, Thayngen trägt seit Jahren das Energiestadt-Siegel. Warum?
Philippe Brühlmann: Weil wir in diesem Bereich sehr aktiv sind. Und wir möchten auch nach aussen zeigen, dass die Kommunen etwas bewegen können. Die Politik setzt die Rahmenbedingungen für die Energiewende, wir setzen sie vor Ort um.

Gemeindepräsident Philippe Brühlmann
Gemeindepräsident Philippe Brühlmann

Herr Brühlmann, welche Projekte stehen in Thayngen an?
Brühlmann: Unser wichtigstes Energieprojekt ist derzeit der Wärmeverbund. Es geht darum, weitere Gemeinde-Bauten an die grösste Hackschnitzelheizung im Ort anzuschliessen. Diese wird gemeinsam mit einer Biogasanlage von einem Landwirt betrieben. Wir versorgen damit bereits das Alterswohnheim, unseren grössten gemeindeeigenen Betrieb. Nun sollen Bauhof, Verwaltung, Schulen und weitere Gebäude folgen.

Das klingt nach einem grösseren Projekt.
Brühlmann: Technisch ist das kein Problem: Die Leitungen werden heute nicht mehr durch Aufbaggern verlegt, sondern unterirdisch mit GPS-Ortung ans Ziel geschossen. Das liesse sich innerhalb von sechs Monaten realisieren.
Allerdings sind die Kosten mit 1,6 Millionen Franken so hoch, dass wir eine Volksabstimmung darüber durchführen müssen.

In Thayngen darf der Einwohnerrat als Parlament der Gemeinde nur über Ausgaben bis zu einer Million Franken entscheiden. Darüber müssen die Bürger befragt werden. Ich bin aber zuversichtlich, dass wir deren Unterstützung bekommen.

Der idyllische Ortskern von Thayngen
Der idyllische Ortskern von Thayngen

Was gibt Ihnen die Hoffnung?
Brühlmann: Die Investition wird sich langfristig mehr als auszahlen. Denn derzeit werden unsere Gemeindebauten überwiegend mit Öl beheizt. Und diese Heizungen sind nicht gerade auf dem neuesten Stand. Die jüngste wurde vor ganzen 17 Jahren installiert.

Ein anderes Projekt liegt momentan auf Eis, weil es Einwände der Bürger gibt.
Brühlmann: Ja, eine weitere Biogasanlage im Ort. Die Planungen stehen. Allerdings befürchten einzelne Anwohner eine Geruchsbelästigung. Das Ganze muss nun den Rechtsweg gehen. Ich glaube aber grundsätzlich an einen positiven Ausgang für die Energiewende.

Manchmal geht diese nicht so schnell voran, wie man es gerne hätte ...
Brühlmann: Das ist richtig, Kompromisse zu schliessen, gehört dazu. Wir haben zum Beispiel begonnen, unsere Strassenbeleuchtung auf LED umzustellen. In den Neubaugebieten kommen heute standardmässig LED-Lampen zum Einsatz. Doch bis wir die komplette Beleuchtung im Ort ersetzt haben, dürften noch 10 oder gar 20 Jahre vergehen. Einerseits haben wir noch etliche konventionelle Leuchtmittel am Lager, andererseits ist die LED-Beleuchtung noch teuer.

Wie sieht es beim Thema Wärme aus? Sie setzen insgesamt stark auf Holz?
Brühlmann: Ja, wir haben mehrere Hackschnitzelanlagen im Ort, Holz ist unser wichtigster Rohstoff. Wir sind umgeben von Wäldern, der Nachschub wird uns hier nicht ausgehen. Der Windenergie speziell bei uns stehe ich mittlerweile eher skeptisch gegenüber.

Welches Potenzial sehen Sie noch für erneuerbare Energie und Energieeffizienz?
Brühlmann: Einiges: In den Neubaugebieten finden Sie praktisch nur noch Minergie-Gebäude. Doch viele ältere Gemeindebauten stammen noch aus den Siebzigerjahren. Hier besteht energetischer Sanierungsbedarf. Für das Alterswohnheim etwa haben wir gerade eine 25 Millionen Franken teure Komplettsanierung beschlossen.

Verkehrsberuhigte Strassen
Verkehrsberuhigte Strassen

Und wo sehen Sie Thayngen in 20 oder 30 Jahren?
Brühlmann: Langfristig müssen wir einen ganzen Schritt weiter denken. Wenn wir bei steigendem Energiebedarf wirklich die Kernkraft ersetzen wollen, müssen wir über Brennstoffzellen ebenso nachdenken wie Geothermie. Ich denke da an wirklich grosse Anlagen mit bis zu zehn Kilometer tiefen Bohrungen und der Leistung eines modernen Kernkraftwerks, wie sie derzeit projektiert werden. Eine solche in Thayngen zu haben, wäre vorstellbar.

Und wohin führt der nächste kleine Schritt?
Brühlmann: Mit unseren laufenden Massnahmen sollten wir bei der nächsten Überprüfung das Energiestadt-Label in Gold bekommen. Das würde mich sehr freuen.

Noch eine private Frage zum Schluss. Wie engagieren Sie sich persönlich für die Energiewende?
Brühlmann: Durch viele kleine Dinge: Ich fahre zum Beispiel einen Kleinwagen mit lediglich 800 ccm Hubraum und 34 PS. Das Auto ist für mich kein Statussymbol. Vielmehr versuche ich, wann immer es geht, öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen. Zu Hause achte ich auf meinen Stromverbrauch, kaufe verbrauchsarme Geräte und lasse diese niemals auf Standby.
Jürgen Baltes

Auf der Silberbergschule wird Strom erzeugt.
Auf der Silberbergschule wird Strom erzeugt.

Energieprojekt: Sonnenstrom in Thayngen

Im Foyer der Primarschule Silberberg in Thayngen hängt ein grosser Monitor, an dem die rund 115 Primar-Schüler an jedem Tag und in jeder Pause vorbeilaufen. Angezeigt wird dort, wie viel Kilowattstunden elektrische Energie die neue Photovoltaikanlage auf dem Schuldach gerade produziert, wie der Ertrag der letzten Monate war und – für die Kinder wesentlich anschaulicher – wie viel Öl, Gas oder Kohle durch den Sonnenstrom bislang eingespart werden konnten. So werden die Kleinen schon früh für das Thema Energie sensibilisiert. Ins­gesamt vier eigene Photovoltaikanlagen hat die Gemeinde Thayngen bislang auf öffentlichen Gebäuden installiert. Sie finden sich auf den Dächern der beiden Kindergärten Engelmann und Oberbild, auf dem Schulhaus Recken sowie seit vergangenem September auf der
Silberberg-Schule.

Sonnenenergie für zwölf Haushalte
Die Anlagen bringen zusammen eine Leistung von 54,6 Kilowatt Peak (kWp). Doch was bedeutet das eigentlich? KWp steht für die Spitzenleistung bei optimalen Bedingungen. In hiesigen Breiten kann man davon ausgehen, dass eine Photovoltaikanlage mit 1 kWp etwa 1 000 Kilowattstunden Strom im Jahr erzeugt. Rein rechnerisch betrachtet decken die Photovoltaikanlagen den Bedarf von rund zwölf Thaynger Haushalten ab.

Bei dem Projekt geht es allerdings nicht vorrangig um autarke Strom­erzeugung, sondern den Schritt in die richtige Richtung. Die Schule Silberberg beherbergt auch eine Holzschnitzelheizung, die das Schul­haus und einige angrenzende Mehr­familienhäuser versorgt.
Jürgen Baltes 

Thayngen in Kürze
Thayngen liegt idyllisch in der Hügellandschaft des Reiat am Flüsschen Biber, direkt an der Grenze zu Deutschland. Bereits vor über 10 000 Jahren siedelten hier steinzeitliche Rentierjäger. Die Höhle Kesslerloch westlich des Ortes zählt zu den wichtigsten Fundstellen der Schweiz.

Eine Pfahlbausiedlung im Süden Thayngens wird auf etwa 3 500 v. Chr. datiert. Sie wurde 2011 in die Weltkulturerbeliste der Unesco aufgenommen. Eingemeindet wurden 2004 Barzheim und 2009 Altdorf, Bibern, Hofen und Opferts­hofen.

Kanton:

Schaffhausen

Bezirk:

Reist

Höhe:

437 m

Einwohner:

5 023 Einwohner (Stand März 2013)

Gemeinde-
präsident

Philippe Brühlmann (SVP, seit 1. Mai 2012)

Gemeinde-verwaltung:

Dorfstrasse 30, 8240 Thayngen

Website:

www.thayngen.ch

Energiefragen:

Oliver von Ow (Bauverwaltung), Adrian Ehrat (Gemeinderat)

 

Die EKS AG und Thayngen
Thayngen trägt seit 2003 das Label «Energiestadt». Die Gemeinde bezieht Schweizer Naturstrom für die öffentliche Beleuchtung von der EKS AG. Die Ortsbeleuchtung wird durch die EKS AG im Rahmen des Servicevertrags «CheckPlus» betrieben.

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