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Feuer, Erde, Wasser, Luft

Stühlingen, Brunnen hinter dem Rathaus
Stühlingen, Brunnen hinter dem Rathaus

Energie aus allen Elementen – so könnte man die Strategie Stühlingens zur Energiewende zusammenfassen: Sieben Biogasanlagen, drei Hackschnitzelkraftwerke, etliche Photovoltaikanlagen auf privaten und öffentlichen Dächern sowie mehrere kleine Wasserkraftwerke sorgen für eine zunehmend autarke Versorgung. Nun soll auch noch der Wind folgen.

Im Stadtzentrum von Stühlingen
Im Stadtzentrum von Stühlingen

Strom, Wärme und Mobilität sind für Bürgermeisterin Isolde Schäfer die Kernbereiche, in denen ein Umdenken nötig ist. Daher bringt sie Projekte in den verschiedenen Segmenten voran, die dann gemeinsam einen nachhaltigen Weg ebnen sollen. Isolde Schäfer ist die erste Bürgermeisterin Stühlingens und eine von rund 50 Frauen in diesem Amt in Baden-Württemberg. Sie wurde erstmals 1993 gewählt, 2009 hat ihre dritte Amtsperiode begonnen. Damit ist sie gleichzeitig auch die dienstälteste Bürgermeisterin Baden-Württembergs. In diesem Jahr hat Schäfer ihren 50. Geburtstag gefeiert.

Bürgermeisterin Isolde Schäfer
Bürgermeisterin Isolde Schäfer

Frau Schäfer, Sie sind in vielen Bereichen aktiv. Was ist Ihr jüngster Beitrag zur Energiewende?
Isolde Schäfer: Im Jahr 2011 haben wir unsere neue Hackschnitzelheizung für die Stadthalle eingeweiht. Wir können damit gut 20 000 Liter Heizöl im Jahr ersetzen. Als Alternative stand auch eine Holzpelletanlage zur Wahl. Die wäre rein rechnerisch noch wirtschaftlicher gewesen, doch wir haben uns bewusst dagegen entschieden.

Warum?
Schäfer: Weil wir uns damit wieder von Dritten abhängig machen würden. Wer weiss, wie sich die Preise für Pellets künftig entwickeln, und ob diese nicht zum Spekulationsobjekt werden? Wir selbst verfügen hingegen über fast 2 000 Hektar Wald. Das ist genug, um uns und weitere Gemeinden zu versorgen.

Reichlich Nachschub also für weitere Hackschnitzelanlagen ...
Schäfer: Bereits 1997 hatten wir unsere erste Anlage in Betrieb genommen. An diese wurde gerade die neue Kindertagesstätte angeschlossen. Sie versorgt nun das komplette Schulzentrum mit 600 Schülern und die Kita und ist damit voll ausgelastet. Aktuelle Projekte drehen sich eher um Wasser und Wind.

Weitere natürliche Energie-Ressourcen für Stühlingen?
Schäfer: Ja, Ressourcen, die wir möglichst effizient nutzen möchten. Laut Windatlas Baden-Württemberg gibt es in Stühlingen windhöffige Gebiete. Wir sind zwar im Vergleich etwa zu Norddeutschland keine Top-Region für Windkraft, haben aber dennoch beschlossen, geeignete Standorte auszuweisen. Ein aufwendiger Prozess, der sich vermutlich noch etwas hinziehen wird.

Industriegebiet Sulzfeld
Industriegebiet Sulzfeld

Bei der Wasserkraft sind Sie schon weiter?
Schäfer: In der Wutach und im Ehrenbach, unseren grössten Gewässern, gibt es zahlreiche alte Wehre. Hier wurden zum Teil Kleinkraftwerke eingebaut. Der Baustoffhersteller Sto beispielsweise, unser grösstes Unternehmen vor Ort, eine Zwirnerei und weitere Firmen beziehen ihren Strom über eigene Turbinen aus der Wutach.

Gibt es hier weitere Pläne?
Schäfer: Ja, es gibt weitere Überlegungen. Allerdings wird das nächste Wasserkraft-Projekt erst einmal eine kleine Turbine im Hochbehälter sein. Hier fliessen rund um die Uhr 20 Liter Wasser pro Sekunde, die wir teilweise sogar drosseln müssen. Das Kleinkraftwerk wird mit drei Kilowatt Leistung zwar nur umgerechnet neun Haushalte versorgen können und sich wirtschaftlich wohl erst mittelfristig rechnen. Doch wir wollen damit auch unser Engagement zeigen.

Welche Bedeutung hat die Aussenwirkung für Sie?
Schäfer: In erster Linie müssen Projekte natürlich wirtschaftlich sein. Dennoch ist uns auch der Vorbildcharakter wichtig. Denn letztlich ist jeder Einzelne von uns gefordert. Politik, Gemeinden, Verwaltungen und sonstige Gremien setzen zwar die Rahmenbedingungen. Doch gelingen kann die Energiewende nur, wenn sie tatsächlich in den Köpfen aller vollzogen wird. Nicht zuletzt deshalb werden wir uns voraussichtlich auch ein Elektroauto anschaffen.

Einen Dienstwagen für die Gemeinde?
Schäfer: Ja, wir brauchen dringend ein Auto fürs Rathaus. Wir verhandeln derzeit über einen geeigneten Wagen sowie eine Stromtankstelle vor dem Gebäude.

Wie binden Sie die Bürger ein und fördern deren Engagement?
Schäfer: Indem wir immer ein offenes Ohr für innovative Ideen und Vorschläge haben. Den Ortsteil Lausheim etwa haben wir erst kürzlich an die Kanalisation angeschlossen. In dem Zuge hat uns der Betreiber der dortigen Biogasanlage angesprochen, ob wir nicht auch Fernwärmeleitungen in den Strassen verlegen könnten. Das haben wir getan, woraufhin nun deutlich mehr Teilnehmer an den kleinen Wärmeverbund angeschlossen werden können. Lausheim ist übrigens das erste Bioenergiedorf im Landkreis Waldshut. In dem 250- Einwohner-Ort wird deutlich mehr Energie produziert als verbraucht.

Und wie sieht Ihr persönliches Engagement für die Energiewende aus?
Schäfer: Ich mache das Licht aus, wenn ich aus dem Raum gehe. Damit will ich sagen, dass ich – wie unsere Gemeinde auch – versuche, viele kleine Massnahmen umzusetzen, um meinen Lebensstil nachhaltiger zu gestalten. Das ist ähnlich wie bei einem Bild, das sich, egal wie gross es ist, aus vielen kleinen Pinselstrichen zusammensetzt.

Jürgen Baltes

Stühlingen und die EKS AG

Im September 2013 hat Stühlingen beschlossen, die öffentliche Beleuchtung komplett auf LED umzustellen. Dazu nutzt die Stadt das Programm CHECKplus der EKS AG. Von den 850 Strassenlaternen werden noch 600 mit Quecksilberdampflampen betrieben. Die Investition dürfte bei knapp 500 000 Euro liegen, die Amortisationszeit bei 15 Jahren. In Stühlingen brennt das öffentliche Licht nicht die ganze Nacht. Um 0.30 Uhr gehen fast überall die Lampen aus – auch ein Beitrag zum Energiesparen.

Stühlingen liegt an der Wutach am Südrand des Schwarzwalds, direkt an der Schweizer Grenze. Der Luftkurort ist Teil des Naturparks Südschwarzwald. Im Jahr 1262 erhielt Stühlingen das Stadtrecht, in den 70er-Jahren wurden zehn Nachbarorte eingemeindet. Das hat die Fläche mehr als verfünffacht.

Einen Bahnanschluss besitzt Stühlingen zwar nicht mehr. Doch durch die Gemeinde führt die historische Wutachtalbahn, auf der im Sommer Museumszüge unterwegs sind. Sehenswert ist auch das Kapuzinerkloster mit der Klosterkirche Maria Loreto.

Bundesland: Baden-Württemberg

Landkreis: Waldshut

Höhe: 449 bis 850 m

Einwohner: 5 150

Bürgermeisterin: Isolde Schäfer (seit 1.12.1993, für die Freien Wähler)

Gemeindeverwaltung: Schlossstrasse 9, 79780 Stühlingen

Website: www.stuehlingen.de

Energiefragen: Frank Gatti, Leiter Stadtbauamt

Energieprojekt

Wind weht über Stühlingen

Insgesamt 15 Aktenordner füllt das Projekt Windkraft bereits im Büro von Frank Gatti. «Dabei stehen wir erst ganz am Anfang», sagt der Bauamtsleiter von Stühlingen. Denn von der Planung bis zur Inbetriebnahme von Windrädern vergehen oft etliche Jahre. In Stühlingen wurden die Vorbereitungen im vergangenen Jahr begonnen, als Reaktion auf das geänderte Landesplanungsgesetz in Baden-Württemberg. Demnach sollen die Kommunen neue, geeignete Vorranggebiete für Windkraft ausweisen.

Stühlingen gehört zwar nicht zu den bevorzugten Regionen für Windkraft. Dennoch gibt es in der hügeligen Landschaft durchaus einige Flecken, die ausreichend «windhöffig» sind. Aufgabe der Gemeinde ist es nun, für diese einen Flächennutzungsplan zu erstellen.

Erst dann kann ein Investor mit der Planung von Anlagen beginnen. Doch bis der Plan steht, könnte es Ende 2014 werden, glaubt Gatti. Zuvor müssen zahlreiche Stellungnahmen eingeholt werden – von Landschaftsund Artenschutz über Baurechts- und Forstbehörde bis zu Landratsamt und Regierungspräsidium. Diese werden dann im Gemeinderat diskutiert. Gleichzeitig führt die Gemeinde immer wieder öffentliche Veranstaltungen durch, stellt sich der Diskussion mit den Bürgern und den Ortsvorstehern der einzelnen Teilorte. Eine offene Gesprächskultur und ein transparenter Prozess sind wichtig, weiss man in Stühlingen, denn es gibt durchaus auch Bedenken, die es aufzugreifen und in die Planung einzubeziehen gilt.

Und auch einen weiteren Fehler will Stühlingen nicht machen: Statt nur eines einzelnen Eigentümers, auf dessen Grundstück möglicherweise irgendwann ein Windrad stehen wird, sollen über «Poolverträge» auch die umliegenden Anlieger profitieren. Offen ist bislang indes, ob man für die Windkraft einen Investor sucht der eventuell auch eine Anlage mit Bürgerbeteiligung anstrebt.

Jürgen Baltes

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