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Wärme aus dem Gemeindewald

Knapp 100 Hektar gemeindeeigener Wald sind für Hans Rudolf Meier die langfristige Basis für wohlige Wärme in Wilchingen. Der Gemeindepräsident will die zentrale Heizungsversorgung auf Basis von Hackschnitzeln kräftig vorantreiben – mit einer neuen «Energieversorgungszone» und unterstützt durch Sonnenkraft.

Gemeindepräsident Hans Rudolf Meier
Gemeindepräsident Hans Rudolf Meier

Bereits seit 30 Jahren engagiert sich Meier, der im Nachbarort Hallau aufwuchs, im Gemeinderat. Damals hatte der gelernte Bauingenieur – anfangs belächelt – das grösste Projekt der Gemeinde initiiert, den Wärmeverbund. Wilchingen gehörte damit zu den Pionieren der Schweiz.

Grosse Aufgaben schrecken Meier nicht. Als Spezialist für Microtunnelling und leitender Mitarbeiter des Baukonzerns Implenia hat er etwa am Bau des Fäsenstaubtunnels mitgewirkt. Auch wenn der heute 64-Jährige demnächst in Rente geht, werden ihm die Projekte nicht ausgehen. Denn nebenbei ist der Naturliebhaber Präsident des Vereins Regionaler Naturpark Schaffhausen. Dessen Ziel ist es, in der Region einen offiziellen Naturpark zu etablieren.

Herr Meier, Sie setzen in der Gemeinde vor allem auf Holz. Warum?

Hans Rudolf Meier: Weil Holz unser wichtigster Energielieferant ist. Auch auf sehr lange Sicht wird unser eigener Wald ausreichen, die Gemeinde zu versorgen. Wir wirtschaften seit Jahren nachhaltig, entnehmen also nicht mehr Holz als nachwächst.

Wird der gesamte Ort über die zentrale Hackschnitzelheizung versorgt?
Meier: Nein, das wäre schön. Wir hatten zunächst unsere Gemeindebauten angeschlossen, drei Schulen, Kindergärten, Gemeindeverwaltung und Gemeindehaus, die Turnhalle und – als höchstgelegenes Objekt – die Kirche. Später kamen das Altersheim, das Pflegeheim Sonnmatt und 75 Privathäuser hinzu. Gemessen an unseren 800 Liegenschaften sind das nur gut zehn Prozent.

Wie wollen Sie die Übrigen für die ökologische Energieversorgung gewinnen?
Meier: Wir sind gerade dabei, eine sogenannte Energieversorgungszone zu etablieren, die uns einen grossen Schritt voranbringen wird. Dazu wurde ein Kerngebiet mit 500 Gebäuden definiert, die dem Wärmeverbund angeschlossen werden sollen, etwa wenn Heizungserneuerungen anstehen. Die genauen Modalitäten müssen wir zwar noch ausarbeiten. Doch die Wilchinger stehen voll hinter dem Projekt und haben in der Gemeindeversammlung klar dafür gestimmt.

Wilchinger Ortsmitte.
Wilchinger Ortsmitte.

Welches Potenzial sehen Sie dadurch in der Gemeinde?
Meier: Hundert Prozent werden wir nie schaffen, da bin ich realistisch. Ich denke aber, dass wir mit der Energieversorgungszone über die kommenden Jahre sukzessive 30 bis 45 Prozent aller Wilchinger Gebäude anschliessen können.

Wird die Heizzentrale das von der Leistung her packen?
Meier: Ja, problemlos. Wir hatten früher eher das Problem, dass sie nicht ausgelastet war. Anfangs mussten wir sogar 30 000 bis 50 000 Franken im Jahr zuschiessen. Wirklich rentabel arbeitet die Anlage erst seit dem Anschluss von Sonnmatt, mit 110 Betten unser grösster Verbraucher. Gleichzeitig sinken aber auch die Verbräuche, etwa durch Dämm- oder Energiesparmassnahmen. Wir liefern seit Jahren etwa die gleiche Menge Energie, obwohl immer mehr Gebäude angeschlossen werden.

Gehen wir von der Wärme- zur Stromversorgung. Wie ist hier Ihre Philosophie?
Meier: Da sind wir weniger autark. Für die Windkraft ist unsere Region nicht prädestiniert. Zudem sehe ich mögliche Konflikte mit dem Landschaftsschutz. Photovoltaik-Anlagen gibt es zwar einige im Ort, jedoch nicht von der Gemeinde. Gegenüber der Stromgewinnung durch Siliziumzellen bin ich eher skeptisch.

Weinberge.
Weinberge.

Das überrascht. Aus welchem Grund?
Meier: Ich bin zwar grundsätzlich ein Freund der Sonnenenergie. Doch Siliziumzellen benötigen viele Jahre, um die zur Herstellung benötigte Energie wieder einzuspielen. Meiner Meinung nach wird hier durch Einspeisevergütungen und Billigprodukte aus China eine Technologie gefördert, die noch nicht überzeugt – und gleichzeitig den Wettbewerb im Strommarkt verzerrt.

Doch welche Alternativen gibt es für die künftige Stromversorgung?
Meier: Wir – und damit meine ich vor allem meine Generation – haben zu lange an der Kernkraft festgehalten. Hätten wir früher Alternativen gesucht, könnten wir heute vielleicht ganz Europa autark mit Sonnenenergie versorgen, etwa durch solarthermische Spiegelkraftwerke in der Sahara. Der Energietransport nach Europa ist technisch kein Problem. Über Pumpspeicherwerke könnten wir hier dann die Nacht überbrücken.

Gasthaus.
Gasthaus.

Sie sehen die Zukunft beim Strom also eher in grossen Lösungen?
Meier: Zentrale Lösungen sind oft sinnvoller, egal ob für Europa oder für Wilchingen. Unsere Heizzentrale etwa arbeitet effizient und gibt kaum Emissionen ab. Das ist allemal besser, als 800 rauchende Schlote von Einzelfeuerungen im Ort zu haben.

Und welchen Beitrag leisten Sie persönlich zur Energiewende?
Meier: Ich bin einen anderen Weg gegangen. Mein Haus stammt aus den 70er-Jahren und hatte damals einen jährlichen Ölverbrauch von 5 000 Litern. Bereits 1984 habe ich dort eine Geothermieanlage eingebaut, vermutlich als einer der ersten privaten Bürger der Schweiz.

Könnte Geothermie auch für Ihre Gemeinde eine Alternative sein?
Meier: Die Technik ist interessant. Es müssen nur rund 35 Prozent der gewonnenen Energie eingesetzt werden, und die Bohrungen sind heute deutlich günstiger als früher. Allerdings liegt Wilchingen auf einer Schotterschicht, die Möglichkeiten sind begrenzt. Wir können teilweise nicht tiefer als 50 Meter bohren..
Jürgen Baltes

Ulrich Bächtold.
Ulrich Bächtold.

Energieprojekt:

Das «Powerhouse» von Wilchingen

Es ist bereits die zweite Kesselgeneration, die derzeit in der Heizzentrale am Wilchinger Ortsrand läuft. Die beiden Kessel mit 1 330 und 2 000 Kilowatt (kW) Spitzenleistung wurden 2004 eingebaut und sind bereits mit internen Russfiltern ausgestattet. Sie werden je nach Bedarf im Wechsel oder parallel befeuert. Denn die Hackgutheizung arbeitet am effizientesten, wenn sie auf voller Leistung fährt. Daneben steht ein Ölbrenner, der für kurzfristige Spitzenlasten an kalten Wintertagen oder bei Wartungsarbeiten zum Einsatz kommt. Insgesamt liefert die Anlage über vier Millionen Kilowattstunden (kWh) Energie im Jahr.Oberhalb des Heizungsraums befindet sich das beeindruckende Holzsilo, aus dem die Öfen über eine Schnecke gefüttert werden. Es fasst 1 700 Kubikmeter Hackschnitzel. In einem durchschnittlichen Jahr verbrauche man 4 500 Kubikmeter, sagt Ulrich Bächtold, der die Anlage technisch betreut. Und seit Kurzem gibt es auch zusätzliche Unterstützung durch die Sonne. Auf dem Dach der Heizzentrale prangt eine 450 Quadratmeter grosse Solarwärmeanlage.

An einem wolkenlosen Sommertag könne diese sogar alleine den Warmwasserbedarf der angeschlossenen Gebäude decken, sagt Bächtold.Geschenk für die BürgerDie Solaranlage war quasi ein Geschenk der Schaffhauser Kantonalbank. Diese hatte zu ihrem 125-jährigen Jubiläum den beteiligten Gemeinden ein Geldgeschenk gemacht, mit der Auflage, dass es den Bürgern zugute kommen solle. Wilchingen hat die 211 000 Franken in die Sonnenenergie gesteckt. Gemeindepräsident Meier denkt aktuell sogar über eine Erweiterung nach. Denn auch wirtschaftlich war das geschenkte Geld gut investiert. Die Kapitalrendite liege bei stolzen 6 Prozent, hat er errechnet.

Jürgen Baltes 

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Beantworten Sie einfach bis zum 30. September 2013 folgende Frage: «Wie viele Kubikmeter Hackschnitzel verbraucht Wilchingens Heizzentrale im Jahr?» Lösung an bruno.kuelling@ktsh.ch oder Gemeindeverwaltung Wilchingen, Hauptstrasse 45, 8217 Wilchingen. Das Los entscheidet.
Viel Glück. (Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.).

Wilchingen in Kürze
Umgeben von den Hügeln des Randen-Gebirges liegt die Gemeinde Wilchingen inmitten grüner Natur und gut geschützt, was ihr vergleichsweise wenig Niederschlag, viel Sonne und ein mildes Klima beschert. Bekannt ist der Weinort, der bereits im Jahr 870 erstmals urkundlich erwähnt wurde, für seinen Blauburgunder. Zu den bekannteren Persönlichkeiten zählen etwa der Mundartschriftsteller Albert Bächtold oder die Alphornsolistin Lisa Stoll, die es in die Schweizer Hitparade geschafft hat. 2005 hat Wilchingen mit dem Nachbarort Osterfingen fusioniert.

Kanton:

Schaffhausen

Bezirk:

Unterklettgau

Höhe:

419 m

Einwohner:

1 730 Einwohner (Stand Juni 2013)

Gemeinde-
präsident

Hans Rudolf Meier (FDP, seit 1. Januar 2000)

Gemeinde-verwaltung:

Hauptstrasse 45, 8217 Wilchingen

Website:

www.wilchingen.ch

Energiefragen:

Hans Rudolf Meier

Die EKS AG und Wilchingen
Wilchingen bezieht Rheinfallstrom von der EKS AG. Die öffentliche Beleuchtung wird durch die EKS AG im Rahmen eines Servicevertrags betrieben, zudem wurde die attraktive Kirchenbeleuchtung von der EKS AG erstellt.

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